Methodik
Was genau gemessen wird, auf welcher Datengrundlage, mit welchen Einschränkungen — und wo die Grenze zwischen Analyse und Position verläuft.
Analyseeinheit
CulturalBI analysiert kulturelle Infrastruktur — messbare institutionelle Mechanismen: Finanzierungsströme, Distributionskennzahlen, Dynamiken der öffentlichen Meinung, Systeme der Nachwuchsförderung, Muster institutioneller Anerkennung.
Wenn ein Phänomen keine Spur in öffentlichen Daten hinterlässt — liegt es außerhalb unserer Methode.
Dynamik, kein Schnappschuss
Ein Zustand ohne Geschichte ist keine Analyse. Jeder Bericht wird auf einer Zeitreihe aufgebaut: Der Horizont wird durch den Analysegegenstand bestimmt. Eine Verschiebung ist nur vor dem Hintergrund einer früheren Position sichtbar.
Muster, kein Einzelfall
Ein einzelnes Beispiel ist keine strukturelle Schlussfolgerung. Eine Beobachtung wird als Muster akzeptiert, wenn sie sich in drei oder mehr unabhängigen Kontexten reproduziert: verschiedene Länder, verschiedene Epochen, verschiedene institutionelle Umfelder. Ein Fall ist eine Anomalie. Drei sind ein Muster.
Unabhängigkeit der Kontexte bedeutet: unterschiedliche Finanzierungsquellen, unterschiedliche Führungsketten, unterschiedliche historische Perioden. Drei Länder desselben geopolitischen Blocks im selben Jahrzehnt können einen Kontext bilden, nicht drei.
Quellentypen
Primär: Umfragedaten (Gallup, Pew, Eurobarometer, nationale soziologische Dienste), amtliche Statistiken, institutionelle Berichte staatlicher Stellen.
Sekundär: Branchenberichte, Verbandsdaten, medienökonomische Studien. Als Ergänzung zu Primärquellen verwendet — nicht als eigenständige Grundlage.
OSINT-Berichte auf Basis öffentlicher Daten werden als eigenständiger Quellentyp akzeptiert, sofern die Methodik verifizierbar ist.
Eine These wird akzeptiert, wenn sie durch mindestens zwei unabhängige Quellen bestätigt wird.
Was außerhalb der Methode liegt
Experteneinschätzungen ohne Daten. Anonyme Quellen. Verschlussmaterialien und Daten mit Sonderzugang. Einzelfälle ohne Muster. Quellen mit nicht verifizierbarer Methodik.
Öffentliche Leaks werden akzeptiert, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: Die Echtheit ist unbestritten, der Inhalt ist durch unabhängige Quellen verifizierbar, und der Status des Materials wird im Berichtstext explizit beschrieben.
Bekannte Einschränkungen
Die Methode arbeitet mit dem, was Spuren in öffentlichen Daten hinterlassen hat. Strukturen, die Dokumentation bewusst vermeiden, bleiben außen vor — nicht weil sie nicht existieren, sondern weil unser Instrument sie nicht sehen kann.
Überlebensverzerrung (survivorship bias): Wir analysieren, was überlebt hat und dokumentiert wurde. Gescheiterte Institutionen, geschlossene Projekte, unveröffentlichte Filme — sind in den Quellen unterrepräsentiert — und daher auch in unseren Berichten. Dies ist eine bekannte Verzerrung, die nicht beseitigt werden kann, aber bei der Interpretation berücksichtigt werden muss.
Die Rolle des Analysten
CulturalBI veröffentlicht zwei Formate. Ein analytischer Kurzbericht erfasst Strukturen und formuliert eine strukturelle Schlussfolgerung aus den Daten. Ein Essay bietet eine Autorenanalyse mit expliziter Position: Daten dienen als Grundlage, doch der Autor darf über die strukturelle Schlussfolgerung hinausgehen.
Beide Formate beantworten die Frage, was geschieht und warum. Was in einem konkreten Kontext damit zu tun ist — das ist Gegenstand der Forschungskooperation.
Qualitätsstandard
Jeder Bericht durchläuft vier Prüfungen — in der Reihenfolge ihrer Priorität.
1. Analyseeinheit: Zu Beginn des Berichts formuliert, wird im Text nicht ausgetauscht. Verschiebt sich der Analysegegenstand im Verlauf, wird der Bericht geteilt.
2. Quellenanbindung: Jede Zahl wird an der Verwendungsstelle zitiert, nicht nur in der Quellenliste am Ende. Eine Behauptung, die nur durch eine Quelle gestützt wird, ist eine Hypothese, keine Schlussfolgerung.
3. Basislinie für statistische Aussagen: Eine These über Unverhältnismäßigkeit erfordert eine explizit benannte Vergleichsbasis. „X erzeugt 12 % des Ergebnisses bei 1 % des eingehenden Flusses" ist eine vollständige Aussage. „X ist unverhältnismäßig vertreten" ohne Basislinie — nicht.
4. Genregrenze: Ein analytischer Kurzbericht enthält keine normative Sprache („müssen", „notwendig", „offensichtlich") ohne stützende Zahl. Geht der Autor über die strukturelle Schlussfolgerung hinaus, wird der Absatz als „Autoreninterpretation" gekennzeichnet, oder das Material wird als Essay eingestuft.
Die Grenze der Methode
Öffentliche Analyse beschreibt Mechanismen. Sie beantwortet die Frage: Durch welche Kette institutioneller Entscheidungen das System seinen aktuellen Zustand erreicht hat. Das ist verifizierbar und reproduzierbar. Es liest sich gleich — unabhängig davon, wer den Text in Händen hält.
Die operative Schlussfolgerung — was genau mit diesem Wissen in einem bestimmten Kontext zu tun ist — gehört nicht zum öffentlichen Format. Nicht aus Vorsicht. Weil diese Schlussfolgerung einen Adressaten hat, was bedeutet, dass sie eine Position hat. Eine Position ohne Adressaten ist keine Analyse — es ist Agitation.
Dasselbe Instrument, das beim Aufbau hilft, hilft auch beim Zerstören. Die Grenze liegt nicht in der Absicht des Analysten. Sie liegt darin, wer mit welcher Frage an die Daten herantritt.